Ökonauten versteht sich als eine Bürgergenossenschaft. Ziele sind der Schutz und die Förderung kleinstruktureller Landwirtschaft, die Unterstützung und der Einsatz für Jungbauern und die Vermeidung von Bodenspekulationen.

Heute spricht Vivian Böllersen mit uns über das Team, Brandenburg, Kampagnen und Projekte und die Wichtigkeit von regionalen hochwertigen Lebensmitteln.

 

Hallo Vivian! Als internationales Portal der Gastronomie ist es auch für uns unverkennbar – die Wichtigkeit und der Wunsch nach regionalen und saisonalen Produkten. Welche Bedeutung misst Du der Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln aus der Region zu?

Eine sehr große natürlich. Neben den Vorteilen im Bezug auf die Umwelt (kurze Lieferwege, geringe Verarbeitungsstufen, etc.) haben sie vielerlei soziale und natürlich wirtschaftliche Erträge:
Wer regional produzierte Lebensmittel am besten direkt vom Bauern kauft, stärkt die lokale Wertschöpfung und den ländlichen Raum insgesamt, hält kleinbäuerliche Strukturen am Leben und bietet dem Dorfsterben die Stirn. Lebensmittel werden bedeutsamer, persönlicher und auch kontrollierbarer.

Ich denke, das Vertrauen zwischen den beiden Seiten wie auch die authentische Vermittlung landwirtschaftlicher Praxis und realer Betriebsabläufe ist für die Wertschätzung von Lebensmitteln und deren Produzenten sehr wichtig.

Regional und Saisonal essen heißt: Essen mit Respekt.

 

 

Die Ökonauten eG setzt sich dafür ein, dass in Brandenburg ökologischer Landbau gestaltet werden kann und dabei auch die Tür für Jungbauer oder Jungbäuerin stets offen steht. Wie haben sich die Ökonauten gefunden? Wer sind die Köpfe hinter dieser Idee? Und was steckt hinter der Namensgebung – „Ökonauten“?

Die „Ökonauten“ haben sich 2015 nach einer Idee von vier engagierten jungen Leuten gegründet. Sie kamen aus völlig verschiedenen Richtungen und haben sich auf einer Veranstaltung zum Thema Bodennutzung und Landgrabbing kennen gelernt. Aus einer angeregten Diskussion und dem Gefühl heraus, dass der politische Weg zur Lösung unserer ländlichen Probleme viel zu lange dauert, entstand die Idee, eine „Bürger-Land-Genossenschaft“ zu gründen.

Ich selbst war bei der Entstehung dieser Idee nicht dabei, sondern wurde im Gründungsprozess gefragt, ob ich mit meinen Flächen das erste Projekt verkörpern will. Da ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, je an das Land für meine Betriebsgründung zu kommen, war ich natürlich hellauf begeistert und sitze inzwischen im Vorstand der Ökonauten eG, um auch anderen Junglandwirten diese Chance zu ermöglichen.

Die Namensfindung war ein langer Prozess und sollte vor allem Aufsehen erregen und verdeutlichen, dass hier was Neues, Bedeutsames am Entstehen ist:

 

<<Von Bürgern. Für Bürger. Mit Bürgern.>>

 

Eine wunderbare Geschichte! Was sind die Ziele der Ökonauten eG? Und wie sieht die Umsetzung im Einzelnen aus?

Wir wollen besonders jungen Landwirten die Chance geben, sich eine Existenz im ländlichen Raum aufzubauen und langfristig gute Lebensmittel zu produzieren. Doch dafür braucht es Land, und das ist teuer. Seit landwirtschaftsfremde Investoren sich wie bei den Immobilien in den Handel mit Boden eingemischt und daraus ein Spekulationsgut gemacht haben, schnellen die Bodenpreise in die Höhe und verlassen den Bereich des durch landwirtschaftliche Produktion erreichbaren.

Das geht konventionellen Bauern genau so wie ökologischen; Außer den ganz großen Agrarkonzernen kann kaum ein Landwirt mehr mithalten am Bodenmarkt. Das Land wird aus der Hand gegeben und es ist kaum möglich, die Besitzverhältnisse nachzuvollziehen. Dann wird es oft für den Getreide-Weltmarkt oder für die Energiegewinnung bestellt und nicht als sensibles Gut betrachtet, von der auch folgende Generationen leben wollen und müssen.

Wir wollen durch den Kauf von Flächen das Land vor dem Ausverkauf und einer kurzsichtigen Intensivnutzung retten. Unsere Satzung sieht vor, dass alle von uns verpachteten Flächen unter bestimmten Kriterien bewirtschaftet werden müssen – zum Beispiel nach dem EU-Biosiegel. So sichern wir gemeinschaftlich Land und stellen es denjenigen zur Verfügung, die darauf eine nachhaltige Landwirtschaft betreiben wollen, die sie eines Tages ohne schlechtes Gewissen Ihren Kindern vermachen können.

 

junger Walnussbaum

 

Eines Eurer ersten Projekte konntet Ihr Juli 2015 umsetzen – biologischer Walnussanbau in Brandenburg. Beschreib uns doch bitte, was sich dahinter verbirgt? Wieso Walnüsse, wieso Brandenburg?

In Brandenburg gibt es zwar viele Walnussbäume, aber keiner davon wird zu Erwerbszwecken genutzt. Es gibt in ganz Deutschland kaum richtigen Walnussanbau, und das obwohl diese Frucht hier ja sehr gut wächst und auch ein heiß begehrtes Produkt am Markt ist. Warum also nicht auch hier produzieren, anstatt alles aus dem Ausland und von sehr weit her zu importieren?

Ich habe mich damals sehr intensiv mit dem Potential des Walnussanbaus in Brandenburg in meiner Masterarbeit im landwirtschaftlichen Studium auseinandergesetzt und danach beschlossen, mein Wissen in die Praxis zu tragen.

 

Hast Du im gleichem Atemzug vielleicht sogar eine tolle Rezeptidee für ein leckeres Gericht mit der Walnuss? Wie isst Du sie am liebsten?

Ich mag Sie am liebsten flüssig – der Likör aus den grünen Juninüssen ist einfach unwiderstehlich und mit nichts zu vergleichen! 😊

 

Das Bewusstsein für gute Lebensmittel steigt und steigt. Der Konsument wünscht sich möglichst nachhaltige, regionale und gesunde Ware. Worauf legt Ihr Wert, wenn Ihr diesen Wunsch nachkommt? Was sind neben den Walnüssen weitere Ökonauten-Landwirtschaften?

Wir haben noch ein Projekt mit einer Jungensschule, wo Gemüse produziert wird, und eines mit Milchvieh und einer Käserei. Wir versuchen die Entfernungen zwischen den Bauern und den Konsumenten logistisch wie auch emotional so kurz wie möglich zu halten. Nichts geht heutzutage über gute Kommunikation, Authentizität und kurze Wertschöpfungsketten.

 

Kurze Wertschöpfungsketten sind das Stichwort! Wie würdest Du die ideale Landwirtschaft beschreiben? Welches Potential siehst Du in der Vermarktung der Lebensmittel?

Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Konsumenten Ihre Verantwortung und Wirkungskraft auf den Handel und ländliche Strukturen begreifen und sich nicht aus Bequemlichkeit den unangenehmen Entscheidungen beim Einkauf entziehen. Natürlich ist es anstrengender, stets auf Herkunft, Gütesiegel und Zutatenlisten anstatt einfach nur auf den günstigsten Preis zu achten, aber es lohnt sich:  Je mehr man über die Hintergründe seines Produktes erfährt desto mehr begreift man ökologische Zusammenhänge und unfaire Strukturen; erkennt höhere Einkaufspreise im Tausch für mehr Tierwohl und Menschenrechte an. Und umso höher ist am Ende auch der Genuss denn man WEIß, dass der eigene Konsum nicht auf Kosten anderer geht.

Die ideale Landwirtschaft ist für mich nicht irgendetwas, was da draußen vor den Toren der Stadt passiert und was uns im Fernsehen oder durch die Bilder auf der Milchpackung stilisiert vorgesetzt wird. Landwirtschaft ist die Grundlage und ein Teil von allem, jeder sollte sich damit auseinandersetzen, schon allein der eigenen Gesundheit wegen. Die Produktion von tierischen wie pflanzlichen Lebensmitteln, von Energieträgern und Futtermitteln ist ein allgegenwärtiger, unverzichtbarer Bestandteil unseres Daseins, den wir selbst gestalten können und müssen.

Wir leben nicht mehr in schwierigen Zeiten, wo man froh war, was zu essen auf dem Tisch zu haben. Wir haben eine echte Wahl, und diese sollten wir unabhängig von Bequemlichkeit, Preisen und geschickt platzierter Produktwerbung treffen.

 

 

Die Gastronomie Deutschlands und natürlich auch Europas glänzt mit einer unglaublichen Vielfalt. Regional und Saisonal sind weit mehr als nur Trendwörter und bestimmen immer mehr die Szene. Was schätzt du an einer guten Gastronomie? Und finden die Früchte der vielen Walnussbäume bereits den Weg in die Küche?

Nein, noch nicht ganz. Aber mein Betrieb hat derzeit eine Befragung in der Berliner Gastro-Szene sowie bei verarbeitenden Betrieben am Laufen um heraus zu finden, wie hoch die Nachfrage nach regionalen Walnusskernen wäre. Wir haben nämlich sehr viele Walnussbäume in unserer Region, die wir nutzen könnten, aber in der Küche oder Backstube braucht man die Nüsse natürlich geknackt. Ob sich die Investition in eine Knackmaschine lohnt, probieren wollen wir mit der Umfrage eruieren. Das wäre ein großer Schritt für uns aber es gibt meinem Empfinden nach immer mehr Köche, die auf die regionale Herkunft Ihrer Rohstoffe Wert legen und dafür evtl. auch einen etwas höheren Kilopreis bezahlen können. Wenn diese Ansprüche und Lieferanten in der Karte kommuniziert werden, kann davon auch der Restaurantbesucher einen Nutzen ziehen: Er isst hier mit regionalem Mehrwert!

Auch das gehört für mich zu guter Gastronomie dazu, denn es geht hier in erster Linie um Genuss. Ich gehe Essen, um mich verwöhnen zu lassen. Das beginnt für mich bei der Freundlichkeit der Bedienung und endet mit einem Sättigungsgefühl, das man nicht bereuen muss.

 

Wer Euch näher kennenlernen mochte, hatte dazu Ende Mai auf dem 2. Solanum Festival die Chance. Welche Erwartungen hattest Du? Und welche Eindrücke konntest Du gewinnen?

Ich war begeistert von den vielen regionalen Produzenten und den hochwertigen Produkten. Die Gespräche waren allesamt nicht oberflächlich und wir haben dort eine gute Wissensbasis und ökologische Grundeinstellungen für unsere Genossenschaftsidee vorgefunden.


Was sind Deine Pläne und Ideen für die Zukunft? Was möchtet Ihr mit der Ökonauten eG noch alles erreichen?

Wir wollen unsere Projekte ausweiten, wollen mehr Menschen erreichen und mehr Betrieben zur Gründung verhelfen. Es braucht mehr von diesen jungen, engagierten Landwirten, die die richtigen Fragen stellen und sich wirklich vorstellen können, was zu verändern. Wir brauchen mehr Foren, mehr Veranstaltungen und von mir aus auch „Influencer“, die sich mit dem Thema Landgrabbing und respektvollem Essen beschäftigen und immer mehr Leute erreichen. Ich nehme mir vor allem Aufklärungsarbeit und Vernetzung für die nächsten Jahre vor, damit immer mehr landwirtschaftliche Flächen in guten Händen landen.

 

Vielen Dank, Vivian! Ich wünsche viel Erfolg beim Umsetzen Eurer Vorstellungen!