Magdalena Zelder ist vielbeschäftigte Junglandwirtin. Sie schmeißt nicht nur einen Hof und die Familie, sondern bringt auf innovative und multifunktionale Weise auch das Geschäft voran, wie wir beim Interview merken. Zwischen den Fragen kommen  Kundin auf den Hof und holen Bestellungen ab. Doch das macht Martine Zelder nichts, sie ist mit einem Ohr bei unserem Interview, das andere ist offen für ihre Kunden. Das ist sicher einer der Gründe, warum sie gerade ausgezeichnet wurde.

 

Sie haben den CeresAward als „Junglandwirtin 2019“ gewonnen: Glückwunsch! Haben Sie damit gerechnet?

Nein. Das wäre vermessen zu sagen. Wir sind einfach nach Berlin gefahren und waren unter den besten drei. Das Spannende war: Der Award gilt ja als Oscar der Landwirtschaft. Und das war ungelogen eine richtig festliche Gala, bei der die Gewinner vorgelesen wurden mit Trommelwirbel: „Die Junglandwirtin des Jahres ist …“ Wie bei den Oscars. Aber ich habe allein schon deshalb nicht damit gerechnet, weil wir keinen nigelnagelneuen neuen Hof, sondern einen bestehenden übernommen haben. Wir haben ein neues Konzept mit jederzeit offenem Tor und versuchen, unsere Produkte so gut es geht zu vermarkten. 

 

Wie sieht das aus?

Man kann bei uns durch den Stall laufen und Produkte direkt kaufen. Wir haben einen Rund-um-die-Uhr-Selbstbedienungshof, wo es Eier, Frischeinudeln aus unseren Eiern, Milch aus unserem Automaten und Honig vom Imker gibt, der seine Bienen auf unserer Fläche hat. Es gibt auch andere Produkte befreundeter Landwirte. Dazu kommt Rindfleisch, wenn das Rind voll verkauft und geschlachtet wurde – also inklusive Knochen und Suppenfleisch. Ich will die Leute gern dahingehend erziehen, dass man Knochen und Suppenfleisch zum Kochen braucht, statt das wegzuschmeißen. Man kann und sollte auch die anderen guten Teile vom Tier nutzen. Je nach Verfügbarkeit haben wir auch Wurstwaren, dafür wird ein Teil des Fleisches vom Schlachten genutzt. Und wenn die Wurst alle ist, ist sie alle.

 

Sie haben den Hof erst vor sechs Jahren, 2013, gekauft: Was haben Sie davor gemacht? Und wie kam es zu diesem Schritt?

Wir kommen beide aus der Landwirtschaft, haben studiert, konnten aber die Betriebe, in denen wir waren, nicht übernehmen. Wir hatten ein 9-to-5-Job und waren beide unglücklich. Nur durch einen Zufall sind wir dann hier gelandet. Über den Schwiegervater. Der hatte nämlich eines Abends ein Bier mit dem Vorbesitzer getrunken, als der meinte: „Wenn ich einen Doofen finde, der alles nimmt, dann verkaufe ich.“ Ein absoluter Zufall! Das war im Februar 2013 und am 01. Juli 2013 haben wir unsere Kühe das erste Mal hier gemolken. Der Vorbesitzer hatte am Vorabend das letzte Mal in seinem Leben gemolken und wir haben am nächsten Tag übernommen – alles! Nur zwei Katzen haben wir mitgebracht. Einen Hofhund, Hofkatzen, Kühe und so weiter haben wir übernommen.

 

Gab es Momente, wo Sie zögerten, den Hof zu übernehmen, oder als Sie ihn hatten, damit wieder aufzuhören?

Es war ein harter Kampf, eine Bank zu finden, die mitgeht. Ich lag abends dann schon öfter wach im Bett und dachte: Mensch, was für ein riesiges Investitionsvolumen. Die Lösung war dann: Breiter aufstellen und Produkte selbst vermarkten, um krisensicher zu sein. Seit 2016 sind wir diesen Weg gegangen mit dem Selbstbedienungshofladen, der Milchautomat kam 2018 dazu.

 

Sie haben einen Milchviehstall, der sich seit Ihrem Start bereits verdoppelt hat: Wie lautet Ihr Erfolgsrezept? Und was raten Sie anderen Milchbauern?

Ganz klar, das muss man ehrlich sagen: Milch in der Selbstvermarktung kann nicht so viel einbringen wie wir abliefern. Unsere 90 Milchkühe liefern in zwei Tagen 4000 Liter. Ab Hof ist diese Menge nicht verkaufbar. Also mussten wir anderweitig vermarkten. In der Uni hieß es früher immer: Spezialisieren! Aber wir haben uns für einen anderen Weg entschieden und auf mehrere Säulen gesetzt. Wenn es also mit der Milch mal nicht gut läuft, dann haben wir immer noch ein anderes Standbein.

 

 

Was müsste sich in der Milchwirtschaft ändern?

Ich denke, das Problem liegt nicht in der Wirtschaft, sondern beim Handel. Wir haben das Problem, dass Discounter und Lebensmittelketten wie Flaschenhälse fungieren und uns die Preise diktieren. Wenn die Molkerei nur 27 Cent kriegt, dann kriegt sie nur das. Daher sage ich: Lebensmittel sollten den Wert haben, den sie auch gekostet haben.

 

Sie sind da recht innovativ und wirtschaftlich gut aufgestellt, haben einen mobilen Legehennenstall mit 24/7-Selbstbedienungshofladen: Warum dieses Konzept?

Mein Mann und ich, wir sind ein Zwei-Mann-Betrieb. Wir haben zwar Azubis, aber die sind auch nicht immer da. Uns war dann einfach klar, dass wir auf Selbstvermarktung setzen möchten, doch die Manpower fehlte einfach, was die Öffnungszeiten etc. angeht. Wir mussten also etwas haben, wo wir nicht hinter der Theke stehen, sondern nur putzen und auffüllen müssen. Und da kam dann das Konzept mit der Selbstbedienung.

 

Welche modernen Elemente und Technologien braucht ein Landwirt heutzutage?

Eigentlich alles, was andere Wirtschaftszweige auch brauchen: eine gute Internetverbindung, Tablets mit wichtigen Apps wie Online-Banking und so weiter. Technisch gesehen haben wir nicht ganz so moderne Maschinen, wir sind ja Existenzgründer. Es gibt sicherlich Traktoren mit GPS etc. Aber wir arbeiten ja immer noch mit Tieren und da ist der Mensch eben nicht zu ersetzen: Die Arbeit am Tier ist einfach nicht durch eine Maschine zu ersetzen. In Sachen Social Media sind wir viel unterwegs: An Instagram taste ich mich gerade ran, da bin ich eher der Dino. Aber Facebook machen wir schon lang. Zwei Drittel unseres Verkaufes laufen übrigens über Facebook: Wenn wir Suppenhühner schlachten, kündigen wir das dort an und verbinden so Marketing mit Hintergrundinfos und erklären, wie und wo die Tiere gehalten werden.

 

Wie sieht Nachhaltigkeit bei Ihnen auf dem Hof aus?

Das bedeutet für mich vor allem, dass es bei der Milch kürzere Transportwege als bei uns sonst nicht gibt. Wir haben außerdem keine Plastiktüten und -flaschen, Behältnisse können die Kunden von zu Hause mitbringen. Wenn wir ein Tier schlachten, dann nur Nose-to-Tail, sodass auch das komplette Tier genutzt wird und nicht unnötig stirbt und aufgezogen wurde. Man sollte alles nutzen. Bei den Innereien habe ich die Leute noch nicht ganz dazu gebracht: Viele wissen nicht, wie gut eine selbstgekochte Rinderbrühe schmeckt. Dabei ist die so einfach. Das ist wirklich schade und ich versuche dafür Werbung zu machen. Viele mögen lieber Kurzgebratenes wie Hackfleisch oder Steak. Aber die Brühe steht eigentlich auch nur auf dem Herd und kocht von allein. Und am Ende hat man eine tolle Brühe ohne wesentlich mehr Arbeit.

 

Was ist noch wichtig, zu sagen?

Uns ist wichtig, das wir kein Bio- sondern ein konventionell wirtschaftender Betrieb sind, in dem wir zeigen, was wir tun. Wir hoffen, dass die Leute MIT statt ÜBER uns reden. Wenn etwa in der Zeitung ein Artikel steht, dann wird viel geredet. Wir sagen aber: Leute, kommt auf den Hof und fragt, redet nicht ÜBER sondern MIT uns. Auf Facebook wurden wir schon Brunnenvergifter, Umweltsünder und Naturzerstörer genannt. Wenn wir die Kälber von den Müttern trennen, gelten wir als Tiermörder. Uns wurde auch Profitgier vorgeworfen. Doch da müssen wir sagen: Natürlich verdienen wir mit unserem Hof und den Tieren Geld, das ist nicht verwerflich. Es gibt sicher schwarze Schafe, die muss man auch anprangern und durchgreifen, aber was wir machen, ist nicht verwerflich. Schließlich arbeiten wir rund 16 Stunden täglich dafür.

 

Vielen Dank für diese Einblicke in den Berlingerhof!

 

Zur Webseite des Berlingerhofs der Familie Zelder mit seinen Angeboten und Infos geht es hier entlang: https://www.facebook.com/pages/category/Agricultural-Service/Berlingerhof-Familie-Zelder-1226159860801350/

Zum digitalen Rund-um-die-Uhr-Hofladen mit seinen Angeboten einfach hier klicken: https://www.berlingerhof.de/galerie.

Fotocredit: © Timo Jaworr für agrarheute