Beim CeresAward wurde Linda Kelly nicht nur zur „Unternehmerin des Jahres“ gewählt. Sie räumte auch den Gesamtsieg als „Landwirtin des Jahres“ ab – als erste Frau. Und die war durch Zufall auf ein ganz besonderes Produkt gestoßen: Lupinen.

 

Herzlichen Glückwunsch zum CeresAward „Landwirtin des Jahres 2019“: Haben Sie damit gerechnet?

Es gab ja zwei Auszeichnungen: Einmal als Unternehmerin, dafür hatte ich mich auch beworben, und den Gesamtsieg. Es gab insgesamt elf Kategorien mit jeweils drei Finalisten, insgesamt waren es dann 33 Finalisten. Ich war in der Kategorie „Unternehmerin“ unter den besten drei. Tja, und dann fährt man nach Berlin und weiß gar nichts. Ich habe es zwar gehofft und versucht, entspannt zu bleiben. Aber gerechnet habe ich nicht damit, weil so ein Preis ja schon wertschätzt, was man alles macht. Man unterschätzt sich irgendwie selbst oft. Doch die Jury hat so entschieden, sicher lange getagt und ist alle Punkte durchgegangen. Für den Gesamtsieg bewirbt man sich übrigens nicht, als Kategoriengewinner ist man automatisch dabei. Und die Siegerin war dann ich …

 

Sie sind die erste Frau mit diesem Titel. Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenige Frauen in der Branche?

Ich glaube, es gibt total viele Frauen in der Branche. Aber ich glaube auch, dass da eher Männer vorn dran stehen und die Frauen eher im Hintergrund sind und ihnen den Rücken freihalten, weil sie ja auch Kinder haben und den Haushalt schmeißen und schauen, dass die Fäden zusammenlaufen. Das hängt dann auch vom Mann ab, wie er das seiner Frau zugesteht. Das ist sicher auch ein typisches Frauenverhalten, dass man sich unterschätzt. Dass man vieles nicht an die große Glocke hängt, weil für Frauen vieles selbstverständlich ist. Daher glaube ich, dass wir Frauen mehr aus uns rausgehen müssen. Vielleicht entscheiden wir emotionaler, während Männer eher rationaler sind. Aber jeder hat am Ende seine Bestimmung: In der Landwirtschaft funktioniert es nur, wenn alle mithelfen.

 

Was meinen Sie, wie kann man mehr Frauen dazu ermutigen, in die Landwirtschaft zu gehen?

Das kommt auf die Perspektive an: Ist man reingeboren oder hat man reingeheiratet? Viele gehen in den Betrieb und dennoch einem Beruf nach. Aber ich glaube schon, dass man sich in der Landwirtschaft mit dem Partner einen Job auf dem Hof suchen kann, wo man sich selbst entfaltet. Viele Frauen übernehmen dann den Hofladen oder das Büro. Wo allerdings viel gefordert wird, da muss man fit sein. Vielleicht ist das aber auch etwas, was die Frau sowieso gelernt hat, Büromanagement zum Beispiel. Dann ist das ideal. Außerdem kann man auch neue Betriebszweige eröffnen, mit Zimmervermietung zum Beispiel. Oder mit Nischenprodukten, wo man sich in der Produktentwicklung entfalten kann. Je nachdem, was einem liegt …

 

Was stellt Ihr Hof her?

Wir haben viele verschiedene Betriebszweige. Falls mal einer wegbricht, ist man trotzdem noch gut aufgestellt. Man sollte nie nur in eine Sache investieren. So hat man außerdem auch Abwechslung und nicht jeden Tag die gleiche stupide Tätigkeit. Das kann sonst auch gefühlstechnisch sehr eng werden. Wir haben zum Beispiel den Ackerbau, die Grünlandwirtschaft, Heugewinnung, Holzvergaser zur Stromgewinnung, das Ferienhäuschen. Wir haben die Landschaftspflege und Masttiere, die wir erst schlachten, wenn das komplette Tier verkauft und bestellt ist. Und es gibt die Lupinengewinnung.

 

Wen beliefern Sie?

Natürlich den Endkunden über den Onlineshop. Dann gibt es die Wiederverkäufer wie etwa Bioläden, den Einzelhandel, aber auch Cafés und Restaurants – übrigens nicht nur regional, sondern deutschlandweit und sogar nach Österreich.

 

Welche klimatischen Bedingungen liefert die Region rund um den Bodensee?

Wir liegen am letzten Zipfel vom Landkreis Sigmaringen und sind trotzdem auf 700 Metern Höhe. Hier ist es etwas kälter, aber trotzdem warm genug für den Anbau. Unsere Lupine kommt damit zum Glück gut klar. Auf unserem Biolandhof haben wir 14 verschiedene Kulturen, die wir in einer bestimmten Fruchtfolge anbauen. Das kann man gut planen, damit wir die besten Erträge erzielen – ohne synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel. Die Lupine wird richtig „geimpft“. Dadurch können sich Knöllchenbakterien im Boden bilden, was Stickstoff anreichert. So entsteht eine Symbiose mit der Wurzel. Solche „Naturereignisse“ kann und muss man gut mit einbeziehen.

 

Wie gewährleisten Sie eine ökologische, nachhaltige Landwirtschaft?

Wichtig ist es, Kreisläufe zu schließen. Also zum Beispiel beim Anbau über den Winter Zwischenfrüchte stehen zu lassen, sodass der Boden durchwurzelt ist, dass er fähig ist, Wasser aufzufangen, dass der Boden Nährstoffe speichern kann. Man muss einfach mit der Natur zusammenarbeiten und nicht dagegen. Alle sechs Jahre bauen wir zum Beispiel Kleegras an, um Unkraut zu unterdrücken, dann braucht es kein Pestizid gegen Unkraut mehr.

 

Welche Vorteile hat ein Familienbetrieb?

Dass jeder seine Stärken hat. Wichtig ist, dass man weiß, wo man sich einsetzt, sodass man sich frei entfalten kann. Mein Vater zum Beispiel ist ein absoluter Ackerbauer. Mein Man ist Techniker, der Maschinen repariert. Meine Mutter und ich machen Büromanagement, ich bin ja gelernte Industriekauffrau und mache das Marketing, gestalte auch die Etiketten und Flyer selbst, produziere aber auch Produkte. Je nachdem, wer Spaß an welcher Arbeit hat.

 

Marketing, Social Media, Hofführung, Rezeptentwicklung, Familie: Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Da ist natürlich das Unternehmerische: Man steckt viel Herzblut rein, dabei geht sicherlich viel Freizeit fürs Geschäftliche drauf. Ein Ausgleich darf man dabei natürlich nicht außer Acht lassen, man muss schon auf sich selbst schauen. Unsere Kinder wachsen dabei anders auf, sie sind sehr selbstständig. Auf der anderen Seite sind wir aber auch viel da, also zu Hause für die Kinder. Sie haben damit eigentlich das schönste Leben hier auf dem Hof, was man sich vorstellen kann, so in der Natur …

 

Woher haben Sie all diese Kenntnisse? Was braucht ein Landwirt heute an Know-how?

Man muss vorausschauend und innovativ sein und sich nicht verschließen. Wenn ich was nicht kann, bringe ich es mir bei: entweder übers Internet, etwa durch Tutorials, oder auch durch Kurse. Man muss sich einfach weiterbilden und nicht stehenbleiben.

 

Ihre Leidenschaft gilt den Süßlupinen: Wie kam es dazu?

Es war ein Zufall, dass wir sie angebaut haben. Seitdem ich ein junges Mädchen bin, baue ich Blumenfelder zum Selbstpflücken an. Doch einmal war der Weizen auf dem Feld über den Winter erfroren. Es war klar, dass der nichts mehr werden würde. Durch Zufall haben wir dann Süßlupine gelesen, sie quasi ausprobiert und damit experimentiert. Im Bio-Bereich ist das sowieso spannend. Beim erstmaligen Anbau fanden wir sie unspektakulär, weil sie im Blumenstrauß nur weiß geblüht hatten, nicht so hoch und üppig waren. Allerdings waren sie positiv für den Boden, die Wurzeln verbessern die Durchwurzelbarkeit des Bodens für Folgekulturen. Das war ein gutes Konzept. Nach der Ernte im August hatten wir dann die Kügelchen in der Hand. Durch Recherchen sind wir dann auf Lupinenkaffee gestoßen. Dem haben wir dann gleich einen Namen gegeben: Lupinello. Vier Jahre haben wir dann von Hand sortiert wie Aschenputtel. Doch die Lupinen erschienen uns zu schade für Kaffee.

 

 

Was kam dann? Und warum sind sie so besonders?

Weil sie einfach echte Eiweißbomben sind. Sie sind quasi unser heimisches Soja, was hier auf dem Feld wächst. Das ist quasi unser Superfood. Wir brauchen kein importiertes Soja, wofür Regenwald abgeholzt wird. Lupine sind für die menschliche Ernährung viel interessanter. Sie sind super verdaulich, sehr sättigend, zählen zu den Hülsenfrüchten und sind damit auch glutenfrei. Zudem eiweißhaltig, sie enthalten Vitamine, Spurenelemente. Obendrein sind sie basisch und damit bei einer Übersäuerung wichtig. Sie enthalten viel Eiweiß und wenig Kohlenhydrate, was bei Low-Carb ganz wesentlich ist. Roh schmecken Lupinen wie Erbsen. Durch das Kochen bzw. Backen schmecken sie eher nussig. Kurzum: Lupinen sind salonfähig für die Küche.

 

Sie vertreiben „Lupinello-Produkte“: Lupinenkaffee, -flocken, -mehl und vieles mehr.

Auch Kerne, die sehen aus wie Linsen. Sie sind prima für den Salat. Man kann sie erwärmen und in eine Soße geben. Die Samen lassen viele auch keimen und essen sie als Sprossen. Dann gibt es die Flocken, das Mehl, Schrot. Es kommt dabei auf die Verarbeitungsstufen an: Der eine will lieber Flocken, der andere backt lieber und braucht daher Mehl.

 

Welche Abnehmer innerhalb der Gastronomie sehen Sie für Lupinen?

Was mich reizt, ist die regionale Küche. Hier sind viele auch schon kreativ. Die glutenfreie Ernährung wird immer wichtiger und Lupine sind glutenfrei. Durch den Proteingehalt sind sie etwa in Bäckereien im Eiweißbrot denkbar. In der Low-Carb-Ernährung sind sie optimal und auch für vegetarische bzw. vegane Lokale sehr interessant – und natürlich auch für normale Küchen. Jedoch: Lupinen zählen zu den Allergen, das muss man wissen. Toll fände ich es aber, wenn Lupinen als pflanzlicher Eiweißträger publik gemacht werden, quasi als Ausgleich zu tierischem Eiweiß in Fleisch.

 

Lieben Dank, Linda, und weiterhin viel Erfolg auf Ihrem Hof!

 

Zur Webseite Biolandhof samt Blog und Beschreibung der Betriebszweige geht es hier entlang: https://www.biolandhof-kelly.de/!

Die Lupinen-Produkte kann man natürlich auch bestellen: https://www.lupinello-shop.de/de/