Eine eigene Destillerie in Ruanda aufbauen? Klingt weit hergeholt? Mitnichten! Katrin Stelzer hat genau dieses tolle Abenteuer umgesetzt und berichtet uns ausführlich über allerlei interessantes. Lesen Sie hier.

 

Du bist mit der Destillierkunst edler Obstbrände im Schwarzwald aufgewachsen, und hast den Schwarzwald Richtung Ruanda, dem immergrünen Land der 1000 Hügel verlassen. Warum? 

Naja, man hat nur ein Leben! Ich habe mir damals die Frage gestellt: „War es das, willst du nächsten 30-40 Jahre so weiter machen? Gibt es noch was anderes?“ Ich war damals mit meinem Leben nicht glücklich. Wenn du durch schwierige Lebensphasen gehst, gibt es dir einen anderen Blickwinkel auf die Sicht der Dinge. Sicher, man kann warten und / oder hoffen, bis Dinge sich ändern. Oder man ändert sie einfach selbst. Ich habe mich für letzteres entschieden. Das Leben hat mir eine Chance geboten. Chancen sind wie Angebote. Man kann sie ablehnen oder annehmen! Ich habe angenommen.

 

Nachdem Du die Ausschreibung des BMWI (Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Inneres), mit der Aufgabenstellung „Ideen zu entwickeln, um Arbeitsplatze in Ländern mit niedrigem Industrialisierungsgrad zu schaffen, im Sinne der Flüchtlings Prävention“ gewonnen hast; ging es dann gleich ohne Sorgen; Zweifel… los? 

Nein! Überhaupt nicht! Im Gegenteil! Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nie gedacht, dass ich mein Konzept einmal selbst in einem dieser Länder umsetzen werden! Ich wurde quasi „überredet“ (lach).

Von der Bundesregierung und auch von der damaligen ruandischen Botschafterin in Berlin Christine Nkulikiyinka. Eine tolle Frau! Sie hat mir sehr viel Mut gemacht und mich sehr unterstützt in Form von Network.

 

Was waren Deine größten Sorgen am Anfang? 

Die Antwort ist ganz einfach: dass es nicht klappt, dass ich keine Kunden finde! Die wohl größte Sorge eines Unternehmers! Ich habe das Ganze aus eigener Tasche finanziert. Wurde nicht gesponsert und habe auch keine Förderungen erhalten.

 

Im Leben braucht es oft einen Ruck. Wie hast Du die Hürde genommen, und losgelegt? 

Ich habe mir für den Ruck Zeit genommen. Bin erst einmal ein paar Mal „rüber“ geflogen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Über Land und Leute. Was funktionieren könnte und was auf keinen Fall funktioniert. Markt Beschaffenheiten (Angebot und Nachfrage). Welches Equipment benötigt wird usw… Ich kann diese Art und Weise nur jedem empfehlen, der ähnliches vorhat.

 

 

Ein Start in die Selbständigkeit, besonders mit einer Manufaktur, ist schon in Deutschland nicht leicht. Wie hast Du es in Ruanda bewältigt? 

Ha, ha, ha… Das war nicht schwer! Es ist 1:1 wie in Deutschland! Auch in Ruanda herrscht die Verwaltung! Von Pontius zu Pilatus zu verschiedenen Ämtern mit Antragsformularen. Ausfüllen, ausfüllen, ausfüllen. Die Ämter waren jedoch sehr kooperativ. Man möchte ja schließlich Investoren im Land haben. Mir wurde schon gesagt, wo ich als nächstes hinmuss. Termine hatte ich auch schnell bekommen, sogar bei en obersten Ministern.
Heute ist es einfacher geworden. Es gibt das RDB (Rwanda Development Board). Das war zu meiner Ankunftszeit gerade noch in den letzten Zügen der Fertigstellung. Das RDB wurde gegründet, um alle für die Investoren verantwortlichen Regierungsbehörden unter einem Dach zu vereinen. Man spart sich nun die Rennerei und hat nur noch einen One-Stop-Center.

 

Wie hast Du angefangen Grundstücke, Leute, Equipment.. zu finden? 

  1. Ein geeignetes Grundstück zu finden war in der Tat das einfachste. Es gibt Immobilienmakler, man schaut sich unzählige Objekte an, irgendwann ist das richtige dabei. Mit dem Equipment war es schon schwieriger, denn ich musste ALLES aus Deutschland mitbringen / importieren, da es nichts vor Ort gab. Angefangen von Edelstahltischen, über Küchen- und Produktionszubehör, Gärfässer, Glasballone, Flaschen Marmeladengläser, bis hin zu den drei 150 Liter Destillen zum Brennen.

Grundsätzlich sollte auch das kein Problem sein. Man überlegt sich was man braucht, lädt einen Container voll, lässt diesen verschiffen und irgendwann ist er halt da und dann kann es auch schon losgehen. So gedacht, so gemacht.

Aber, nein, nein, dass wäre ja viel zu einfach und viel zu schön um wahr zu sein! (Lach)

In Ruanda gibt es ein Plastikverbot. Plastiktüten sind grundsätzlich verboten, was sehr lobenswert ist, denn unsere Welt erstickt im Plastik! Für andere Plastikgegenstände gibt es Ausnahmen, wenn diese zu begründen sind. Naja, meine Gärfässer sind aus lebensmittelechtem Plastik / Kunststoff. Das gibt es in Ruanda nicht, also eine begründbare Ausnahme. Schön wär`s gewesen! Endlos Diskussionen am Zoll. Wochenlang Auseinandersetzungen mit Prüfkomitees. Der Rest des Containers blieb versiegelt. Jeder Tag am Zoll kostet Geld. Standgebühr. Irgendwann wurden meine Fässer freigegeben. Geschafft! Denkste… Jetzt wurden meine Destillen ausgepackt. Schlimmer geht’s immer und besser wird’s nie… Man kennt weder Kupfer und Brenngerätschaften schon gar nicht. Wie gesagt ich habe die erste Destille Ostafrikas, die exotische Obstedelbrände produziert.

Große Fragezeichen in den Gesichtern, was das wohl für „Zauberkessel“ sind. Meine Erklärungen, wie so eine Destillation abläuft, haben es nicht besser gemacht! Wenn auf der einen Seite Obst reingefüllt wird, (obwohl es ja kein Obst ist, sondern eine vergorene Obstmaische) und auf der anderen Seite Alkohol rauskommt, das muss dann schon mit Magie zu tun haben! Und weil es nicht anders sein kann, wurde ich der Voodoo-Hexerei angeklagt. Ein völliger Alptraum begann. Nach Vorlage unzähliger wissenschaftlicher Dokumente und massiver Unterstützung der deutschen Botschaft, gelang es dann doch, dass die Anklage nach 12 Monaten fallen gelassen wurde. Es zog in der Tat politische Kreise, denn man kann auf der einen Seite nicht Investoren anwerben und sie dann auf der anderen Seite derart blockieren! Letztendlich hat die ruandische Regierung eingesehen, dass es sich doch eher um Fachwissen handelt, als um Hexerei. So habe ich dann gemeinsam mit der Regierung Alkoholstandarts für das Land entwickelt, die es bis dato noch nicht gab.

Gute Leute / Arbeiter gibt es. Man muss sie nur finden. Das funktioniert nur durch hire and fire. So dauert auch das seine Zeit. Aber mit meiner derzeitigen „Truppe“ bin ich sehr zufrieden.

 

 

Verwaltung eines Betriebes ist schon in Deutschland ein graul. Wer macht den „Papierkram“ für Dich in Ruanda? 

Ich mache das selbst, dann weiß ich wenigstens, dass es gemacht ist. Und ja, es ist auch dort ein Graul!

 

Wie wirst Du von den Einheimischen aufgenommen? 

Ruandesen sind grundsätzlich ein sehr freundliches Volk. Sie nennen mich „Intora“ übersetzt: „Die Auserwählte, die wie ein Krieger kämpft“. Intore bedeutet „die Auserwählten”. Sie waren die Krieger des Königs, zu der Zeit als es in Ruanda noch Könige gab. Es waren Männer. Und ja, als ich der Voodoo-Hexerei angeklagt war, habe ich, für die Richtigstellung, zumindest wie eine Löwin gekämpft! (Lach). Die „Buschtrommeln“ funktionieren gut. Das hat sich rumgesprochen.

 

Was waren die größten Schwierigkeiten, die Du beim Start überwinden musstest? 

Also, in Ruanda gibt es ein Sprichwort das sagt: „There are no difficulties, only challenges.“ – „Es gibt keine Schwierigkeiten, nur Herausforderungen“. Bleiben wir dabei! (Lach). Meine größte Herausforderung war es wohl, klar zu stellen, dass ich keine Voodoo-Hexe bin, sondern gute Absichten habe. Diese habe ich in der Tat! Ich mein, ich habe mir in der Tat international einen guten Namen gemacht und bekomme Anerkennung für die Qualität meiner Produkte. Das gebe ich weiter, denn letztendlich ist dies auch eine gute Werbung für Ruanda.

 

Mit welchen Herausforderungen kämpfst Du noch heute? 

Es gibt keinen Tag, ohne Herausforderungen. Mal kleinere, mal größere. Aktuell kämpfen wir alle aus dem f&b Sektor mit einer neuen, riesigen! Die Regierung hat sich eine sogenannte FDA fee ausgedacht. Eine Gebühr, ich nenne sie auch gerne „Ehrenpreis“ oder „Gabe“.

Alle aus diesem Sektor sollen nun für jedes Ihrer einzelnen Produkte ein Entgelt bezahlen, damit es bei einem neuen Ministerium registriert werden kann. Wir sprechen hier in meinem Fall von 1500 USD pro Produkt. Ich habe 47 Produkte. Außerdem sind meine Produkte bereits registriert. Du darfst ohne dies nicht produzieren und verkaufen. Jedoch bei einem anderen Amt, dem Lebensmittelamt, bei dem die Produkte auch Lebensmittellabortests unterzogen werden. Das neue Ministerium macht nichts Weiteres als die Produkte zu registrieren. Ganz schön teuer für diese Amts tat! Wer das Geld nicht bezahlt, darf nicht mehr produzieren und verkaufen. Ich denke mit diesem Geld, soll das neue Ministerium finanziert werden. Mehr nicht. Du kannst dir vorstellen, wie groß derzeit die Aufregung bei uns im f&b Sektor ist. Wenn die Regierung nicht versteht, dass sie sich damit ein Eigentor schießen, wird der komplette Sektor zusammenbrechen, in den Supermärkten wird es keine Lebensmittel mehr geben und auch die 5-Sterne Hotellerie, die dann ihre vorgegebenen Standards nicht mehr halten kann wird gehen. Denn auch die Importeure sind davon betroffen. Mal schauen, wie das ganze weiter geht.

 

 

Du produzierst aus einheimischen, exotischen Früchten wie z.B. Mango, Maracuja, Jackfruit  und Tamarillo Fruchtschnäpse und Liköre. Woher bekommst Du Deine Zutaten? Wie hast Du Deine für Dich passenden Lieferanten vor Ort gefunden? 

Es hat etwas Zeit gedauert, bis ich die richtigen Leute gefunden habe. Es sind Gruppen von Farmerinnen. In Ruanda erledigen die Frauen die Feldarbeit. Bei den Damen von denen ich das Obst bekomme,  setze ich nicht auf große Kooperativen, sondern auf persönliche Kontakte. Diese können wieder. Es sind in der Regel Privatpersonen, die mich auch mit Kleinstmengen beliefert können – so stelle ich sicher, dass das Geld wirklich bei den Menschen ankommt, die mir die Früchte und die Kräuter liefern. Ich habe Sammelstellen. Für diese ist eine Person zuständig. Sie muss dafür sorgen, dass zum gewünschten Zeitpunkt meine bestellte Menge da ist und abgeholt werden kann.

 

Was sind Deine Erfahrungen mit den lokalen Bauern? Wie arbeitest Du mit ihnen zusammen?

Meine Erfahrungen mit den lokalen Bauern, mit denen ich derzeit zusammenarbeite sind sehr gut. Sie sind alle Freelancer und werden nach der gelieferten Menge bezahlt. So lernen sie auch eigenständig und selbstverantwortlich zu arbeiten und Termine einzuhalten. Sie erhalten von mir immer im Oktober des Vorjahres die benötigten Mengen für das Folgejahr. So sind sie motiviert und angespornt.

Die Tamarillo zählt zu meiner persönlichen Nr. 1 an Früchten, die das Land zu bieten hat. Sie ist eine facettenreiche Frucht. Daher beschloss ich, Tamarillos anzupflanzen, in Form eines sozialen Projekts.

 

Vor Ort gereifte Früchte machen einen Riesen unterschied im Geschmack. Spürt man diese auch in Deinen Endprodukten? 

Ja, auf jeden Fall! Die Frische und Fruchtigkeit riecht und schmeckt man! Es ist kein Vergleich zu den Früchten, die hier im Supermarkt liegen. Die Tamarillo zum Beispiel zählt zu meiner persönlichen Nr. 1 an Früchten, die das Land zu bieten hat. Sie ist eine facettenreiche Frucht. Im Destillat ist sie ein Hochgenuss. Daher beschloss ich, Tamarillos anzupflanzen, in Form eines sozialen Projekts. Das Konzept war sehr einfach: Hilf mir es selbst zu tun! Ich startete mit 100.000 Samen (Invest 100 Euro) und lies diese verteilen. Die Bewohner der Regionen müssen sich selbst organisieren. Ein Tamarillo-Baumstrauch trägt bereits nach 9 Monaten Früchte. Ca. 40% der Ernte kaufe ich den Menschen zu fairen Preisen ab. 40% können Sie für den Eigenbedarf (Verzehr oder Verkauf auf Märkten) nutzen, 20% werden zur Neusaat verwendet. Die Menschen können so nicht nur ein Einkommen generieren, sie lernen auf diese Art und Weise auch eigenverantwortliches Arbeiten, sowie Teamwork. 

 

Du bietest auch einen Jackfruit Schnaps an. Jackfruit sind auch bekannt als Stinkefrucht. Riecht dementsprechend auch Dein Schnaps? 

Nein, natürlich nicht! (Lach). Es kommt darauf an, bei welchem Reifegrad die Jackfruit verarbeitet wird. Sie muss von außen schon braune Stellen haben, dann ist das Fruchtfleisch innen perfekt. Es hat dann den Geruch aus einer Mischung von Banane, Ananas und Vanille. Danach riecht und schmeckt auch mein Schnaps.

 

Kennen die Einheimischen die Sorten die Du herstellst und wie ist das Geschmacksfeedback? 

Nein. Schnaps an sich war unbekannt. Bis ich angefangen habe ihn zu produzieren. Man kennt Wodka, Whisky und Gin, da dieser importiert wird. Auch war es unbekannt wie die Herstellungsabläufe sind wie zum Beispiel das Destillieren bei den Schnäpsen, die Mazeration bei den Likören und das vergeisten bei den Spirituosen. Was man im Land schon macht ist Sago oder Bananen zu einer Art Bier vergähren. Es handelt sich hierbei aber um eine reine Wildvergährung. Ich verwende ja für meine Destillate Reinzuchthefen. Das Geschmacksfeedback ist sehr gut. 

 

Wie groß ist Deine Konkurrenz vor Ort?

Es gibt noch einen. Er produziert mit einer Destille Whisky, Wodka und Gin. Zumindest nennt er es so. Der Whisky ist nicht lange genug gelagert, als dass er sich unter Internationalen Richtlinien so nennen dürfte. Um Wodka nach Standards zu destillieren bräuchte man schon eine Brennanlage mit mindestens 30 Glockenböden oder mehr. Diese hat er nicht. Beim Gin weiß ich nicht, aus was er ihn herstellt. Ich mische mich da jedoch nicht ein.

 

Neben Deiner reinen Produktion. Bietest Du auch Seminare und Tastings an. Wer sind hier Deine Kunden?  

Meine Kunden im Bereich der Tastings und Seminare sind Touristen, Delegationen von verschiedenen Botschaften, wie auch Menschen vor Ort, die so etwas gerne als Event mal machen möchten. Wir trainieren jedoch bei den Seminaren und Tastings lokale Barkeeper im Bereich Cocktails, um ihnen die Produkte näher zu bringen und ihnen zu zeigen, welche köstlichen Cocktails daraus gemixt werden können.

 

Was sind Deine lokalen und internationalen Kunden für Deine exotischen Obstbrände? 

Eigentlich habe ich überwiegend internationale Kunden, wie gesagt, die lokale Bevölkerung kennen Obstbrände nicht. Das einzige wo meine Obstbrände gereicht werden ist bei lokalen Staatsempfängen.

 

Planst Du neben Obstbrände auch im Bereich Food aktive zu werden/ welche Chancen gibt es hier? 

Naja, gestartet bin ich ja damals mit Marmeladen und Essig aus exotischen Früchten. Traditionell hergestellt, also die Marmelade noch so, wie zu Großmutters Zeiten und für die verschiedenen Essigsorten habe ich entsprechend eine Essigmutter gezüchtet. Derzeit experimentiere ich gerade mit Biltong, welches vorher in meinen Obstbränden mariniert wurde. Biltong ist ein Trockenfleisch, welches aus der südafrikanischen und namibischen Küche bekannt ist, es bestehend aus luftgetrocknetem Rindfleisch. Ich werde sehen wie die Resonanz ist, wenn es fertig ist, ob ich damit in Produktion gehe oder nicht.

 

Hast Du Kontakte/ Zusammenarbeiten mit Köchen/ Restaurants?

Wie viele Arbeitsplätze konntest Du bereits schaffen? 

Ja, ich beliefre die 5-Sterne Hotellerie und die gehobene Gastronomie. Die Köche verwenden meine Produkte, ob den Essig, die Marmeladen oder die Destillate auch zum Kochen oder zur Pralinenherstellung. In meiner Produktion arbeiten 5 Mitarbeiter, auf dem Feld bei der Obstbelieferung 145 Menschen.

 

Welche Erfahrungen hast Du mit Personal Management in Ruanda sammeln können? 

Nun, in der Regel sind die Personalmanager alles Ausländer. Anders würde es nicht funktionieren. Man muss schon immer hinterher sein, gerade was Pünktlichkeit oder auch Zuverlässigkeit betrifft. 

 

Ruanda in Ostafrika, wird gerne auch das „immergrüne Land der 1000 Hügel“ genannt. Wie würdest Du die Natur und Seele dieses Landes beschreiben?

Es wirkt sehr beruhigend. Gerade durch die immergrüne Landschaft und die vielen Hügel. Es ist wirklich atemberaubend über 100 Meter hohe Hängebrücken im Nyungwe Forest zu laufen und den Regenwald aus dieser Höhe auf sich wirken zu lassen, während Schimpansen und Golden Monkeys sich von Ast zu Ast schwingen. Auf den Hügeln am Rande des Nyungwe wachsen Tee und Kaffee, den Ruanda exportiert. Die Landpartien, die ich machen muss, um zu den Fruchtlieferanten zu gelangen sind sehr friedlich. Die Menschen sind zu mir immer freundlich, was nicht heißt, dass sie es auch untereinander sind.

Kigali, Ruandas Hauptstadt entwickelt sich rasant: Wie würdest Du Kigali beschrieben; was magst Du an der Stadt?
Ja, Kigali entwickelt sich wirklich rasant. Zu rasant, die Bevölkerung kommt da jedoch nicht mit. Entwicklung braucht Zeit, es geht zu schnell, die Menschen verstehen nicht, was da passiert.
Diese rasante Entwicklung kostet Geld, viel Geld. Dementsprechend steigen täglich die Kosten für alle Menschen, die in diesem Land leben. Gerade für die lokale Bevölkerung ist dies nicht mehr bezahlbar. Präsident Paul Kagame hat ohne Zweifel viel Gutes für das Land gemacht. Begonnen vor 26 Jahren, als er dem grausamen Völkermord ein ende gesetzt hat. Er ist die treibende Kraft, er ist auch ein Visionär. Sein Regime gilt als sehr effektiv, aber eben auch als repressiv und demokratiefeindlich.

Kigali wird auch gerne „das Singapore Afrikas“ genannt. Und, wie das Vorbild Singapur, soll Ruanda sauber sein. In Kigali haben Straßen Bürgersteige, Vorgärten gepflegten Rasen, Straßenbeleuchtung, Plastiktüten sind verboten. Die Hauptstadt Kigali ist die wahrscheinlich ordentlichste und sauberste Stadt Afrikas. Am meisten mag ich die Sauberkeit und die Sicherheit. Ich kann als Frau auch alleine abends angstfrei durch die Straßen gehen . Ruanda ist gerade mal so groß wie Rheinland-Pfalz. In Ruanda leben 12 Millionen Menschen. In Kigali 1,2 Millionen davon. Nachts, wenn man auf einem der Hügel ist und in die Täler blickt, hat man das Gefühl man hat den Himmel auf Erden, da die unendlich vielen Lichter in der stockdunklen Nacht  wie Sterne aussehen.

 

Ruandas Küche: Wie kannst Du Sie uns erklären?

Al zu viel Kulinarik hat die Ruandische Küche leider nicht zu bieten. Hauptgrund hierfür ist die große Armut der Bevölkerung. Die Zutaten bechränken sich hauptsächlich auf Gemüse und diverse Knollenfrüchte, das die ruandischen Bauern selbst anbauen können wie Bohnen, Gemüsebananen, Süßkartoffeln, Cassava und Sorgho. Fleisch, Eier, Milch und Früchte sind sehr teuer und wenig verbreitet. Die meisten Lebensmittel müssen so trocken wie möglich gehalten werden, da sie sonst ohne Kühlschrank innerhalb kürzester Zeit verderben würden. Die meisten traditionellen Rezepte sind gekocht. Typische Spezialitäten der ruandischen Küche sind Isombe. Das sind fein gehackte Blätter der Maniok-Pflanze. Sehr lecker, ähnlich wie Spinat und Ubugali, ein großer grauer Breiklos aus gekochtem Mehl der Maniokwurzel. Auch gut! Man sollte nur nicht zu viel davon essen, da Ubugali im Magen noch mal richtig aufquillt. In jedem Fall ist man danach papp satt! (Lach). Dann gibt es noch Mukene, das sind kleine, in der Sonne getrocknete Fische. An die habe ich mich aber noch nicht rangetraut! In den Seeregionen bekommst du einen phantastisch frisch gefangenen und danach gegrillten Tilapia, gefüllt mit einer Mischung aus Knoblauch und frischen Kräutern. Dazu gibt es dann fritierte Süßkartoffeln oder Kochbananen. Und was auch absolut lecker ist, ist Nyamachoma – gerilltes Ziegenbein.

 

Was sind Deine lokalen Lieblings Street Food Gerichte?

Also, Street Food Gerichte, wie man sie aus anderen Ländern kennt, gibt es nicht wirklich, denn essen auf der Straße ist verpönt, das machen nur die Straßenhunde. Es gibt jedoch Bruschetten, Samosas, Chapaties oder Rolex , die für die schnelle Nahrungsaufnahme sehr empfehlenswert sind und entweder bei den Restaurants, die sie anbieten, direkt verzehrt werden können, oder die auch mal gut im Vorbeifahren mitgenommen werden können, wenn es wieder aufs Land geht. Mein Vorarbeiter setzt sich jedoch zum Essen immer in den Fußraum vom Auto, damit ihn keiner durch das Fenster oder die Windschutzscheibe sehen kann, wie er „unterwegs“ isst! (Lach).
Bruschetten sind gegrillte Fleischspieße aus Ziege, Huhn oder Rind. Samosas sind frittierte Teigtaschen, gefüllt mit Fleisch oder Gemüse, Chapaties sind dünne Fladen aus Mehl und Wasser und Rolex (rolled eggs) kommen eigentlich aus Uganda und ist ein Omlette-Wrap gefüllt mit Gemüse.

 

Was macht Dich mit Deiner Arbeit hier in Ruanda am glücklichsten?

Am glücklichsten bin ich wirklich, wenn ich neue Produkte entwickeln kann. Wenn ich sehe, was das Land alles an Köstlichkeiten zu bieten hat, die in der Natur wachsen und ich mir überlege, was man daraus noch machen kann. Mit diesen natürlichen Rohstoffen rumzuexperimentieren und daraus ein gutes Produkt zu kreieren, das macht mich schon happy. Auch beispielsweise bei der Herstellung meiner Edelobstbrände konnte mir ja nicht wirklich jemand beratend helfen. In Deutschland wird eingemaischt, wenn´s kalt ist. Hier habe ich jedoch konstant 26 Grad. Da muss man schon ein wenig tüfteln, bis man die richtige Hefe und Gärfassgröße herausgefunden hat. Manche Früchte hier haben einen sehr hohen Zuckergehalt. Ist das Fass zu groß, gibt es bei diesen Temperaturen einen explosionsartigen Gärstart und alles fliegt einem um die Ohren“! Das erklärt auch, das Meer von 30 Liter Fässern, die alle in meinem Gärraum stehen! (Lach).
Es würde mich auch glücklich machen, wenn ich durch die Besonderheit meiner exotischen Obstedelbrände, dazu beitragen könnte, dass der Obstbrand oder Schnaps, denn ich nenne es ja auch Schnaps, in Deutschland mal wieder eine anerkennende Lobby oder Popularität bekommen würde.
Ein Obst(edel)brand ist egal aus welcher Frucht destilliert wirklich etwas Besonderes. Es erfordert viel Können und es steckt viel Arbeit drin.


Die Mitarbeiter Deiner der Brennerei sind ausschließlich Ruandesen. Sie werden in der Destillerie ausgebildet und geschult, um es später auch an anderer Stelle weiterzutragen. Damit leistest Du auch einen Bildungsauftrag. Auf der anderen Seite verlassen Dich dadurch Mitarbeiter. Ist das ein Zwiespalt für Dich? 

Im Moment trainieren sie die neuen Mitarbeiter, die in meinen Betrieb kommen. Selbst wenn sie das Wissen jedoch in einer anderen Firma einsetzen würden, so stellt dies keinen Zwiespalt für mich dar. Im Gegenteil. Wissen sollte immer weitergegeben werden, nur so kann es sich verbreiten, weiterentwickeln und auch neues entstehen. Auch das gehört doch zu einem Bildungsauftrag dazu, oder?
Es ist ja auch schön zu sehen, dass die ganze Produktion weiterläuft, auch wenn ich mal in Deutschland bin. Auch das macht mich glücklich. Das zeigt mir, ich habe alles richtig gemacht im Bereich der Ausbildung und Schulung meiner Mitarbeiter.

 

Ruanda hat durch sein Plastikverbot auf sich aufmerksam gemacht. Wie funktioniert dies?

2008 wurden in Ruanda Plastiktüten und -verpackungen verboten. Das Land wurde damit Vorreiter und Vorbild im Umweltschutz. Plastiksündern drohen sogar Gefängnisstrafen. Die Regierung setzt jedoch nicht nur auf ein Verbot, sondern fördert auch gezielt die Aufklärung über Plastik. So lernen Schulkinder schon früh, wie lange es dauert, bis sich eine Plastiktüte zersetzt. Ganz ohne Plastik geht es jedoch in Ruanda auch nicht. So sind zum Beispiel die Wasserkanister aus Plastik und auch Getränke. Für letzteres gibt es kein Recycle System wie in Deutschland. Man muss sich jedoch keine Sorgen machen. In Ruanda findet alles seine Wiederverwertung, so auch die Plastikflaschen. Sie werden neu befüllt mit beispielsweise Speiseöl, das dann kleine Marktstände verkaufen.

 

 

Siehst Du für andere kleine/ spezialisierte Lebensmittel Produzenten aus Deutschland auch eine Chance in Ruanda aktiv zu werden?

Wenn es sich um Spezialitäten welcher Art auch immer, oder Nischenprodukte handelt, ja. Gerade die gehobene Hotellerie ist immer auf der Suche nach lokal produzierten Besonderheiten, die sie ihren Gästen anbieten können. Diese Produzenten müssen jedoch schon auch etwas Pioniergeist mit im Gepäck haben!

 

Was sind Deine Ziele/ Wünsche für die Entwicklung Deines Unternehmens?

Ganz ehrlich: ich bin bereits am Ziel meiner Wünsche angelangt! Das Ziel war es, in Ruanda eine Firma aufzubauen und die produzierten Produkte erfolgreich zu vermarkten. Was einst mit einer Schnapsidee begann, hat Erfolg. Es sind immer die einfachsten Ideen, die außergewöhnliche Erfolge 

haben. Man muss sie nur mit Verstand und Ausdauer umsetzen. Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, 

als solche, die scheitern. Was braucht man um erfolgreich zu sein? Unwissenheit und Selbstvertrauen. In meinem Fall war es tatsächlich die Unwissenheit, die gleichermaßen auch mit Neugierde verbunden war: Was erwartet mich in einem fremden Land? Oder welche Hürden sind zu nehmen? Es war aber auch das Selbstvertrauen, dass alles möglich und machbar ist.

Ich habe mich Mutter Seelen allein auf den Weg nach Ostafrika gemacht. Habe dort mein Knowhow weitergegeben und habe mir einen Namen gemacht, sonst würde ich euch jetzt auch kein Interview geben. (Lach) Was will ich mehr? Mehr wollte ich nicht! Meine Träume sind in Erfüllung gegangen. Das ist doch schon mehr als genug!

 

Vermisst Du den Schwarzwald?

Den Schwarzwald vermisse ich nicht ganz so schlimm, dadurch dass das Landschaftsbild Ruandas sehr dem des Schwarzwalds ähnelt. Was ich echt vermisse sind die vier Jahreszeiten und natürlich meine Tochter und meine Freunde, die in Deutschland sind. Ich bin aber auch oft in Deutschland. Außerdem kommt meine Freundin Uta, die in Ruanda seit 25 Jahren ein Buschkrankenhaus leitet ursprünglich auch aus dem Schwarzwald. „So kann i wenigschtens mit sella ä wängle Badische Dialekt schwätze un des midde im Herze von Oschtafrika“ (auf diese Art und Weise kann ich mich mit ihr wenigsten ein bisschen auf badischem Dialekt unterhalten und das Mitten im Herzen von Ostafrika).

 

Hand auf’s Herz: zweifelst Du manchmal den richtigen Weg eingeschlagen zu haben?

Ich erinnere mich wie bestimmte Menschen mir negative Gedanken einreden wollten, meine Idee für 

verrückt hielten. Aber ich hatte die Sache gefunden, der ich meine ganze Energie widmen wollte, und 

es gab nichts, das mich aufhalten konnte. In allen Dingen hängt der Erfolg von den Vorbereitungen 

  1. Wir alle haben große Kraft in uns. Diese Kraft ist der Glaube an sich selbst. Es gibt wirklich eine 

Einstellung des Gewinnens. Du musst dich gewinnen sehen bevor du gewinnst.  Zweifel, dass es nicht der richtige Weg war hatte ich nie. Ich möchte die Erfahrungen, die aus diesem Teil meines Lebenswegs resultieren auch nicht missen.

 

Wie geht Deine Reise weiter; wirst Du in Ruanda bleiben? Oder hast du schon neue Ideen?

Der sichere Weg um weiter Erfolg zu haben, ist immer weiter zu gehen. Bei mir muss die Reise immer weitergehen. Ähnlich wie bei einem internationalen Chefkoch. Er bleibt ja auch nicht für immer auf dem Fleckchen Erde, wo er gerade kocht. Ich wollte noch nie für immer in Ruanda bleiben. Mein maximales Zeitfenster waren schon immer 10 Jahre plus / minus. Ich komme jetzt ins siebte Jahr. 
Im Jahr 2018 entschloss ich mich in Deutschland noch einmal die Schulbank zu drücken, um die Qualifikation zur staatlich anerkannten Brennerin zu erlangen umso aus meinem Wissen ein Fachwissen zu machen. Eine berufsbegleitende landwirtschaftliche Ausbildung in zwei Winterhalbjahren, die nicht nur die Kunst des Brennens umfasst. Im März 2020 bin ich fertig. Im Rahmen dieser Ausbildung habe ich nicht nur theoretisch viel gelernt, sondern gerade die vielen Exkursionen auf denen wir waren, haben in mir schon wieder viele neue Ideen hervorgerufen.
Mit mehr als 100.000 Hektar Streuobstwiesen hat das Land Baden-Württemberg europaweit die größten Streuobstbestände. Dadurch stellen die Streuobstwiesen nicht nur ein wertvolles Natur- und Kulturgut im Süden Deutschlands dar, sondern auch eine enorme Vielfalt an hochwertigen besonderen Landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die daraus produziert werden. Mir kam eine neue Idee: Ein Kunstgenuss-Projekt. Ein Gaumenatelier, eine Plattform, die jungen Unternehmen oder Newcomern aus der Region Baden-Württembergs, die Möglichkeit bietet ihre traditionell hergestellten Delikatessen zu vermarkten und bundesweit anzubieten. Gleichermaßen für Privatkunden wie auch für die Gastronomie und Hotellerie.
Anfang August 2020 werden die ersten Produkte über eine Homepage und einen Onlineshop erhältlich sein. Das Produktsortiment wird jedoch ständig erweitert! Weitere Newcomer mit guten Produkten sind Herzlich willkommen! Mit diesem neuen Projekt verbinde ich zwei Kontinente –  Wahlheimat und Heimat.

 

 

Vielen lieben Dank Katrin und weiterhin viel Erfolg.