Nico Schack ist eigentlich gar kein Gastronom – bis jetzt. Denn der gebürtige Schöneberger hat im Oktober Berlins erstes CBD-Café im Bezirk Prenzlauer Berg eröffnet. Im Café Canna bietet er Produkte und Aufklärungsmaterialien rund um CBD, den nicht berauschenden Wirkstoff aus der Hanfpflanze, an. Im Interview erklärt er rechtliche Hürden, warum Hanf ein Superfood ist und wer zu seinem Kundenstamm gehört.

 

Ein CBD-Café: Wie kam es zu der Idee?

Da muss ich etwas ausholen. Ich hatte schon lange eine Affinität zur Hanfpflanze. Fand sie schon immer interessant, vor allem weil die Pflanze mehr kann, als die meisten auf dem Schirm haben. 90 Prozent würden sagen: Kiffen. Aber die Pflanze ist auch ein Superfood und optimal für strapazierfähige Kleidung oder Papier. Nachhaltig ist sie auch noch, doch das fällt oft hinten runter. Ich habe also schon lange mit dem Gedanken gespielt und dann binnen kurzer Zeit das Konzept umgesetzt und den Laden eröffnet.

 

Was gibt es in Deinem Café?

Alles ist irgendwie mit Hanf versetzt, sowohl die Speisen als auch die Getränke. Als Grundlage dienen meist die Hanfsamen, sie werden zum Beispiel geröstet und ergeben ein nussiges Topping für Salate oder als Snack. Oder sie landen in geschälter Form in Smoothies. Oder wir streuen sie in Kuchen. In der Mühle gemahlen ergeben sie ein schönes Mehl, womit man ein Drittel des herkömmlichen Mehls ersetzen kann. Hanfsamen sind zudem proteinreich und haben Aminosäuren und essenzielle Fettsäuren. Plus Ballaststoffe und natürlich Vitamine. Ein Superfood eben, das auch noch in Deutschland wächst. Gerade durch den Trend der veganen Ernährung ist das natürlich super wegen der Proteine. Obendrein auch noch gluten- und nussfrei. Hanfsamen sind aber nur ein Teil, den wir verarbeiten. Die Blüten nutzen wir zum Beispiel für den Tee, aber auch für Smoothies und als Deko beim Salat, ein optisches Highlight. Was viele nicht wissen: Blätter haben super viel Eisen und Zink.

 

Thema Nachhaltigkeit: Wie wichtig ist Dir dieser Gedanke?

Super wichtig. In der heutigen Zeit, wo so viel darüber diskutiert wird, ist es absurd, dass die Hanfpflanze nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt. Sie braucht keine Pestizide und Herbizide, sondern lockert den Boden auf und gibt wichtige Stoffe an ihn ab und wertet ihn damit auf. Das eine oder andere Problem ließe sich damit auch bekämpfen: Statt Bäume abzuholzen, könnte man auch einfach Hanfpapier nutzen. Die Gutenberg-Bibel etwa wurde auf Hanfpapier gedruckt, sie würde sonst zerfallen, wäre sie aus herkömmlichem Papier. Auch Seile und Taue für die Schifffahrt wurden aus Hanf gemacht. Und Kleidung lässt sich auch aus Hanffasern herstellen. Baumwolle wächst ja nicht vor Ort, sie braucht mehr Pestizide, daher könnte man sie ersetzen. Die Hanfpflanze ist eine der nachhaltigsten Pflanzen, die wir haben.

 

Welche Produkte kommen dabei außerdem, von kleineren lokalen Herstellern, im Café Canna zum Einsatz?

Den Tee beziehen wir aus Brandenburg. Und die Hanfprodukte auch: die Samen, die Hanflinge. Ich war eben noch mit den Produzenten auf dem Feld. Da sind wir super regional. Sonst nutzen wir Bioprodukte, wobei wir Avocado als nicht per se regionales Produkt als Kompromiss auf der Karte haben. Wir nutzen außerdem keine To-go-Becher, um ein Vorbild zu sein. Auch haben wir uns dazu entschieden, eine vegane Karte anzubieten – aus Überzeugung. Einige Lebensmittel beziehe ich auch vom Großhändler oder die Torten, die bekommen wir von Goodies bzw. endorphina hier aus Berlin. Am Anfang muss man schauen, dass man Aufgaben abgibt und den Kuchen erstmal nicht selbst macht. Aber nach und nach werden wir dann die Produkte ersetzen. Doch alles hier hat dennoch Bio-Qualität.

 

Was kreiert Ihr aus den Produkten?

Wir haben eine Frühstückskarte und einen kleinen Mittagstisch mit Lunchbowls. In den warmen Monaten kommen da frische Hanfblätter rein oder werden zur Salatbeilage. Zudem haben wir viel Süßes: Kuchen, Tee. Die Happy Balls zum Beispiel machen wir mit Hanföl, Kaffee kriegen wir mit CBD versetzt geliefert. Kaffee und CBD sagt man übrigens einen Synergie-Effekt nach. Klingt komisch, gleicht sich aber aus, es entsteht eine Art smoothes Gefühl beim Konsum. Zudem haben wir Hanflimo aus gepresstem Hanfsaft sowie leckeres Hanfbier. Plus Schokolade, Kaugummis und Bonbons.

 

Zum kulinarischen Angebot gehören zuckerfreie, vegane, glutenfreie Produkte: Wirst Du damit einem Hype um Foodtrends gerecht oder einer Philosophie?

Das vegane Angebot entstand aus Überzeugung. Das glutenfreie quasi auf Kundenwunsch. Bisher hatte ich wenig Berührungspunkte mit glutenfreier Ernährung. Aber die Nachfrage war da, also möchte ich den Leuten die Möglichkeit geben, sich entsprechend der Karte auszuleben.

 

THC gilt als berauschend und fällt damit unter die Kategorie Betäubungsmittel. CBD ist noch relativ neu, gilt als nicht berauschend – die Rechtslage ist kompliziert.

CBD, also Cannabidiol, ist ein Wirkstoff, der aus der Hanfpflanze extrahiert wird. Ähnlich wie THC, nur eben nicht berauschend. In einem WHO-Bericht wurde CBD übrigens als komplett ungefährlich, ohne Suchtpotenzial erklärt. Autofahren mit CBD ist also kein Thema. Dennoch herrscht viel Unwissenheit darüber, deswegen wissen auch die Behörden nicht so richtig damit umzugehen. Für das Café Canna haben wir nicht viel anderes gemacht als andere Café- oder CBD-Shopbetreiber.

Doch gerade gab es in einigen CBD-Shops Razzien. Da ging es unter anderem um Tee aus unverarbeiteten Hanfblüten. Das ist im Gesetz schwammig beschrieben, doch soll natürlich ein Missbrauch verhindert werden. Was aber Schwachsinn ist, denn schon seit Jahren werden solche Produkte in Reformhäusern und sogar in Drogerien verkauft. Doch eben nur in CBD- oder Hanfläden gibt es Razzien.

Interessant ist auch: CBD wird neuerdings von der EU als Novel Food bezeichnet, als sogenanntes neuartiges Lebensmittel, das vor der Zulassung für den Verkauf auf seine Sicherheit geprüft werden muss. Das wurde nun entschieden. Und wer damit arbeitet, muss erstmal entsprechend darauf reagieren. CBD-Öl wird daher zum Beispiel als Aromaöl deklariert. Einen Beipackzettel gibt es nicht, denn ein Heilversprechen darf man nicht machen. Lediglich dass es nicht zur Einnahme gedacht ist, steht dazu … Es ist alles in allem eine Grauzone, doch wir machen nichts Verbotenes.

 

 

Mal ehrlich: Wie viele Leute kommen hier rein und glauben, dass sie mordsmäßig stoned wieder rausgehen?

Zum Glück weniger als man annehmen könnte. Was ich aber viel beobachte, ist eine gewisse Unwissenheit. Dass viele Leute fragen, ob sie von Hanfsamen, die wir als Snack aufstellen, high werden. Wir klären da aber gerne auf, persönlich oder mit Broschüren, damit sie mit neuem Wissen rausgehen. Sinn der Sache ist, dass die Leute CBD-Produkte nicht im Netz kaufen müssen, sondern sich hier beraten lassen können. Das war mir wichtig, dass man wegkommt von diesem Stoner-Image, sondern in die entgegengesetzte Richtung arbeitet.

 

Welche Wirkung haben die Produkte mit CBD?

CBD wirkt nicht berauschend, sondern entzündungshemmend und entkrampfend. Für Frauen ist es gut bei Menstruationskrämpfen. Sonst wirkt es auch bei Schlafproblemen,  Stress und Panikattacken und ist gut bei Konzentrationsschwächen. In kleinen Dosen wirkt es ein wenig euphorisierend und führt zu Ausgeglichenheit, in etwas höheren Dosen zu besserem Schlaf. In unseren Produkten ist sehr wenig CBD, es bräuchte also unheimlich viel für eine Art Rausch. Mir ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass das Nutzhanfthema mehr nach vorn gebracht wird.

 

Wer sind Deine Kunden?

Von jung bis alt ist das ganz bunt gemischt. Wir haben viele Gäste aus anderen Ländern, die teilweise sogar noch viel bewanderter in dem Thema sind als wir. Ihnen muss man dann nicht so viel erklären. Sonst haben wir älteres Publikum mit Schlafproblemen und Gelenkschmerzen. Und viele, die Entspannung nach einem stressigen Arbeitsalltag suchen. Aber auch Studenten und Mütter, die einen stressigen Alltag haben.

 

Du bist Quereinsteiger: Aus welcher Branche kommst Du? Welche Hürden hattest Du von der Idee bis zur Eröffnung?

Ich war vorher selbstständiger Promoter und viel auf Festivals unterwegs. Dort habe ich neue Produkte an den Mann oder die Frau gebracht und viel erklärt. Also viel mit Menschen zu tun gehabt und viel beratend, serviceorientiert gearbeitet. Ich habe die Idee länger mit mir rumgetragen, ein Café zu eröffnen, und lange dafür gebraucht. Doch dann hatte ich das Gefühl, dass die Gesellschaft heute bereiter ist als früher. Schließlich gibt es Produkte wie die Riegel „Pick Up Minis High5 Choco & Hanf“ oder das Hanfbier „Oettinger Hanfkiss“. Das ist natürlich eher ein Marketinggag, der Hanfanteil ist ja gering, aber das Interesse ist zunehmend da.

Lange war ich auch nicht sicher, ob ich etwas mit Food oder Hanfkleidung oder gar Toilettenpapier aus Hanf machen sollte. Ich hatte aber über das Essen eher meine Chance gesehen. So kann man die Brücke schlagen und die Leute besser auf das Thema Hanf als Nutzpflanze aufmerksam machen. Jedoch habe ich die Gastronomie unterschätzt. Es ist eine der härtesten Branchen, wo man immer was zu tun hat und schlecht kalkulieren kann: An einem Tag ist zum Beispiel weniger los als zuvor, man braucht mehr oder weniger Personal und so weiter. Zwar war die Hürde mit der rechtlichen Lage da, auf der anderen Seite ist es aber auch eine Chance, dass sich viele mit CBD beschäftigen. Man merkt zunehmendes Interesse am Thema auch daran, dass immer mehr CBD-Chops aufmachen. Doch mit der Hanf-Gastro sind wir einmalig in Berlin.

 

Als Gastronomie-Neuling: Was kannst Du anderen mit auf den Weg geben, die mit dem Gedanken spielen, mal eben ein Café zu eröffnen?

Ich glaube, die Planung ist nicht zu unterschätzen. Ich habe bei vielen Sachen gedacht: Das ergibt sich aus der Praxis, wenn es eben soweit ist. Man erspart sich aber viel Stress, wenn man – so viel wie geht – vorher plant und den Businessplan nicht nur für die Bank und den Geldgeber, sondern auch für sich selbst zu Ende denkt. Die Speisekarte hätte man zum Beispiel vorher komplett ausarbeiten können, anstatt nur grob im Kopf zu haben. Dinge testen: Das Zubereiten dauert ja manchmal doch länger, als man glaubt, oder man braucht mehr Platz. Wichtig ist, sich Ziele zu setzen und checken. Ich habe jahrelang Ideen im Kopf gehabt, recherchiert und dann irgendwann den Entschluss gefasst: In einem halben Jahr machst du auf. Das waren dann aber doch neun Monate …

 

Vielen Dank, Nico, für Deine Zeit und Deine Offenheit!

 

Das Café Canna mit integriertem Shop befindet sich im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Zu beidem geht’s hier entlang: https://cafecanna.de/ Neuigkeiten gibt es auf Facebook (https://www.facebook.com/Cafe.Canna.Berlin/) und noch mehr optische Eindrücke auf Instagram (https://www.instagram.com/cafe.canna/).