In Berlin-Kreuzberg, in der Hausnummer 89 gibt es den kulinarischen Himmel auf Erden. Hier hat Andreas Tölke 2015 den „Kreuzberger Himmel“ eröffnet – ein Integrationsrestaurant, das sechs Nationen, sechs Sprachen und drei Religionen vereint. Im Interview erzählt der frühere Journalist und heutige Wirt unter anderem über seinen Sprung ins kalte Wasser der Gastronomie, das Lokal als Begegnungsstätte jenseits von Behörden und darüber, wie hier ein Menü entsteht.

 

Es fing mit der Aufnahme von Geflüchteten in der Privatwohnung an und führte zum Kreuzberger Himmel? Was war die Initialzündung für den Schritt, ein Lokal zu eröffnen?

Begegnung schaffen! Es gibt circa 1,8 Millionen Geflüchtete in Deutschland, die Chancen als Deutscher einen kennenzulernen, liegen bei rund 0,6 Prozent – alle reden drüber, keiner kennt einen. Wir wünschen uns eine normale Begegnung ohne Vorurteile, die es ja von beiden Seiten gibt. Die eine Seite verdammt Geflüchtete mit Bausch und Bogen, die andere ist zuweilen ein Jubelchor, für jeden, der hier ankommt. Wir wollen einen respektvollen Umgang miteinander. Im Restaurant erleben die Gäste, dass die Menschen, die hier ankommen, einfach ganz normal sind und ihre Zukunft aufbauen wollen. Da ist dann zwar der Kellner etwas holperig in Deutsch, aber bei jedem Franzosen finden wir das charmant, bei fast jedem Amerikaner sind wir auch nach zwei Jahren in Deutschland noch bereit, uns auf Englisch zu unterhalten. Was ist der Unterschied zu Geflüchteten? Richtig: unser Blick auf sie. Für das Team bedeutet es: ganz normale Deutsche zu erleben – also keine bewegten Helfer oder missgelaunten Behördenmitarbeiter. In der Regel hatten die Geflüchteten nämlich nur mit diesen beiden Gruppen zu tun. Und: Selbstbewusstsein zu kriegen. Ich arbeite für mein Geld, ich bin etwas wert. Außerdem sind viele Menschen aus der arabischen Welt einfach wunderbare Gastgeber – es ist Teil ihrer Kultur. Dazu kommt: Die arabische Küche ist einfach großartig. Ein Restaurant ist also ein Rund-um-Paket für Gäste und Team.

 

Vom Journalisten zum Gastronomen: Wie schafft man diesen Schritt?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Schritt schon geschafft habe…. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, dass Gastronomie nervenaufreibend ist, ahnte ich .… Mit einer Truppe ein Restaurant mit rund 100 Plätzen zu eröffnen, die aus sechs Nationen besteht, von dem am Anfang kaum jemand verständliches Deutsch gesprochen hat, und die noch nie in Deutschland in einem Betrieb gearbeitet hatten, das war schon krass. Dazu kommt, dass man als Journalist ja eher Einzelkämpfer ist. D.h. meine Teamfähigkeit war gerade zu Beginn nicht unbedingt die größte. Wir arbeiten mit flachen Hierarchien, also auch ich putze die Toiletten, was für das Team bis heute kaum nachvollziehbar ist. Die Länder, aus denen die Mitarbeiter kommen, sind in der Regel sehr hierarchisch strukturiert. Aber auch das ist Teil unseres Integrationskonzeptes: zu vermitteln, dass andere Umgangsformen möglich sind und das dann auch vorzuleben.

 

Was hat Dich angetrieben, wo gab es anfangs vielleicht auch Rückschläge?

Ich habe ja meinen eigentlichen Beruf September 2015 mit der Ankunft vieler Menschen nicht mehr ausüben können – Be an Angel e.V., der Verein in dessen Vorstand ich bin, hat meine ganze Kraft gebraucht. Aber jeder einzelne, der über die Jahre hier sein eigenes Leben ohne Unterstützung von außen auf die Reihe kriegt, ist für mich eine unglaubliche Motivation. Wir haben ja als Verein mittlerweile über 90 Menschen in Jobs vermittelt und über 60 in Ausbildungen. Mein Antrieb! Natürlich gab es Rückschläge. Nicht jeder, der hier ankommt, ist ein wunderbarer Mensch. Ich rede immer von der 10-Prozent-A***loch Quote. Die gibt es bei Autofahrern und Kindergärtnern. Also auch bei Geflüchteten. Da wurde sich gestritten, es musste die Funktion der Uhr noch mal sehr deutlich erklärt werden und wir denken, ja, „die“ Geflüchteten. Aber das sind sehr unterschiedliche Nationalitäten, die noch nie miteinander gearbeitet haben. Der Afghane ist eher wie ein Japaner, eher introvertiert mit sehr traditionellen Umgangsformen, der Syrer eher wie ein Italiener. Man muss sich nur vorstellen, was passiert, wenn die beiden aufeinandertreffen. Zum Teil irrsinnig komisch, zum Teil wirklich irritierend.

 

 

Sechs Nationen, sechs Sprachen, drei Religionen. Warum funktioniert das bei Euch so gut?

Ich bin felsenfest davon überzeugt: In jedem Menschen ist ein sehr, sehr schöner Mensch. Man muss ihn nur rausholen. Also in fast jedem Menschen…. Wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, mal fünf Minuten richtig zuhört, versucht zu erkennen, was für ein Potenzial im Gegenüber steckt – dann geht was. Integration ist eine tibetanische Gebetsmühle, das passiert nicht über Nacht. Aber es geht mit Freundlichkeit. Deutschland und die Deutschen sind irre anstrengend. Nicht grade überbordend herzlich, nicht grade brüllend komisch oder charmant. Das muss man erklären. Und das wird auch verstanden. Die Regeln für das Miteinander gelten für alle aus dem Team. In der arabischen Welt ist Respekt ein dickes Brett. Oft verkommt die Vokabel zur Worthülse. Aber grundsätzlich ist das Verständnis da. Wie Respekt genau aussehen soll, das ist dann wieder die tibetanische Gebetsmühle. Und der Betrieb zeigt: es funktioniert. Nicht jeder muss alles sofort verstehen. Aber die Freiheit, die die Menschen hier in Deutschland wollen und haben, müssen (!) sie jedem von uns zugestehen. Sonst wird das nix.

 

Was ist das bereicherndste an der Arbeit mit Menschen mit den verschiedensten kulturellen und kulinarischen Hintergründen?

Gemeinsam lachen. Oft fangen Mitarbeiter an und sind eigentlich nicht mehr da. Durchgenudelt von der Bürokratie, permanente Angst abgeschoben zu werden, von den Erlebnissen in ihrer Heimat traumatisiert. Ich habe so unfassbar schreckliche Geschichten gehört…. Und wenn dann nach ein paar Monaten der Mensch über seine eigene Biografie Witze machen kann, ist es das sichere Zeichen: angekommen. Beispiel: Ein Dame fragte den Barmann: ,Habt ihr Toiletten?‘ Der antwortete: ,Wir haben nix, wir sind Flüchtlinge.‘ Die Dame schnallte es nicht und fragte: ,Aber wo geht ihr denn hin, wenn ihr mal müsst?‘ Darauf der Barmann: ,Raus, rechts durch die Toreinfahrt, da ist ein Gebüsch.‘ Dann war bei der Dame der Groschen gefallen und wir haben all schreiend vor lachen auf der Theke gelegen.

 

Wie kommt ein Menü bei Euch zustande?

Wie überall anders – denke ich. Es gibt Othman und Layalee – das sind die beiden Profis in der Küche, er aus Syrien, sie aus dem Irak. Othman hat die Karte zur Eröffnung gemacht, wir haben beobachtet, was bei den Gästen gut ankommt und dann modifiziert. Layalee ist seit knapp einem Jahr bei uns und bringt Gerichte aus ihrer Heimat auf die Karte. Wir überprüfen immer wieder, was gut geht, ergänzen und schmeißen raus und schauen auf die Saison. Außerdem gibt es als Testlauf jede Woche drei Specials. Je nachdem wie gut sie ankommen, wandern sie früher oder später in das Menü.

 

Da wir aus einem Koch-Jobportal heraus entstanden sind, ist spannend zu wissen: Worauf legt Ihr bei der Mitarbeitersuche Wert?

Wir haben einen ganz eigenen Auftrag: Das Wichtige ist uns, Menschen eine langfristige Perspektive zu geben. Wir haben viele im Team, die noch nie in der Gastronomie waren – das macht es nicht leichter… Es sollte ein Gefühl für die Branche entstehen, bestenfalls weg von ,Dienst‘ und ,Leistung‘ hin zu Freude, Menschen einen schönen Abend zu bereiten. Das Schöne an Gastronomie: Man kann ,Rampensau‘ sein und das im Service ausleben oder man ist gerne hinter den Kulissen in der Küche. Von daher finden wir eigentlich immer das passende. Und dann machen wir die Menschen ,fit‘ und vermitteln sie weiter. Vom Ursprungsteam sind nur noch zwei bei uns. Immer wieder neue Mitarbeiter sind natürlich eine Herausforderung für das ganze Team – aber wenn jemand auch nur ansatzweise motiviert ist, sich und uns die Chance gibt, etwas aus der Situation zu machen, dann klappt es in der Regel. Lernen kann man letztendlich alles.

 

 

Können wir eine spannende, berührende, witzige Anekdote erfahren, die Euch ausmacht?

Ich glaube, die witzige Anekdote habe ich oben erzählt. Die berührende war, dass als Zeichen gegen Antisemitismus die Mitarbeiter – zum Teil aus Palästina – einen Abend Kippa im Restaurant getragen haben. Und das war deren Initiative. Fazit: Es ist viel mehr möglich, als man zu oft glaubt.

 

Danke Andreas!

 

Trubel, Kebab, Leuchtreklame.
Vier Nationen, sechs Sprachen, drei Religionen. Im Kreuzberger Himmel starten Karrieren – vom Geflüchteten zum Geschäftsführer, vom Praktikanten zur Hotelfachmann im Sheraton.
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