Nicolas Leschke und Christian Echternacht sind die Köpfe hinter der ECF Farmsystems GmbH. Das Unternehmen hat sich der nachhaltigen Zucht von Barschen und Basilikum in einem System verschrieben – und das mitten in Berlin. Im Interview erklärt Nicolas uns, wie die Idee entstand, wie das System funktioniert und warum es so nachhaltig ist.

 

Ihr züchtet Fische und Pflanzen, konkret Barsche und Basilikum, in einem Kreislaufsystem: Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?

Mein Geschäftspartner und ich mögen beide nachhaltige Geschäftsideen und sind irgendwann über einen Prototypen eines aquaponischen Farmsystems gestolpert. Wir fanden diese Synergie aus Fisch und Pflanze total spannend, dass man einen Kreislauf bei Lebensmitteln herstellen kann. Wir haben dann einfach unternehmerisch gedacht und wollten einfach einen Zugang zu nachhaltig erzeugten Lebensmitteln bieten.

 

Ihr habt Euch dann intensiver mit dem Thema Lebensmittel und Nachhaltigkeit beschäftigt.

Wir haben gemerkt, dass nicht alles so läuft, wie man sich das vorstellt, etwa dass alle möglichen Lebensmittel über den Globus transportiert werden, dass es lange Transportwege, lange Kühlketten und eine insgesamt schlechte Gesamtbilanz gibt. Was den Fisch angeht: Die Meere sind überfischt, dreckig und sie werden immer dreckiger. Und es gibt immer mehr Menschen. Also haben wir uns überlegt: Vielleicht kann man das anders gestalten und das aquaponische Farmverfahren professionalisiert, um in diesem System ressourceneffizient Fisch und Gemüse herzustellen. Wir haben dafür mit dem Prototypen gespielt und gemerkt, dass es doch komplexer ist als man glaubt. Und haben dann das Glück gehabt, dass wir unter das Climate-KIC gefallen sind und Stipendien bekommen haben, um an unserem Geschäftsmodell zu arbeiten. Das ist ein Förderprogramm der Europäischen Union, das CleanTech- und GreenTech-Start-ups fördert. Schließlich haben wir unser Geschäftsmodell gefunden, Investoren an Bord genommen und die ECF Farm Berlin gebaut, wo wir jetzt auch gerade sitzen. Und produzieren seitdem alles Mögliche: früher auch Gemüse, heute ausschließlich den Hauptstadtbasilikum und den Hauptstadtbarsch.

 

Welchen beruflichen Hintergrund bringt Ihr dafür mit?

Christian hat 1996 eine Internetagentur gegründet, als das Internet noch total neu war. Er hat davor auch mal Medizin angefangen zu studieren, das aber abgebrochen und sich auf das Internet fokussiert. Ich hab verschiedene Sachen gemacht: Ich habe eine Firma in Italien, wir haben 2003 eine GPS-Audio-Citytour auf den Markt gebracht – eine Art Audioguide fürs Museum nur auf die Stadt ausgeweitet. Dann habe ich Business Development in Europa, Afrika und im Mittleren Osten für ein Unternehmernetzwerk gemacht. Dann habe ich eine Firma in Indien mitgegründet, die einen sozialen Mehrwert beim Endverbraucher, vor allem bei Leuten aus Slums oder aus ländlichen Gegenden, bringt: mit Solarlampen, Wasserfiltern und – das haben wir gerade gelauncht – Frauenhygieneprodukten. Dann habe ich die Entwicklungsgesellschaft der Malzfabrik, in der wir sitzen, geleitet und sozusagen nachhaltig gebaut: also Werte geschaffen, um dann zu schauen, dass man nach den Werten auch die Mieter findet und eine Community schafft. In diesem Zuge ist dann auch ECF entstanden, weil wir diesen Prototypen entdeckt hatten, diesen als Entwickler spannend fanden und uns dann damit intensiver beschäftigt hatten.

 

 

Warum funktionieren genau die Produkte Fisch und Pflanze so perfekt zusammen?

Das liegt an der aquaponischen Produktion, dabei geht es um Symbiose. Dafür nimmt man als Basis Fisch, den man in einer Kreislaufanlage großzieht – genannt RAS, also rezirkulierendes Aquakultursystem. Das ist schon an sich sehr wassereffizient. Man hat aber das Problem, dass Fische Ausscheidungen produzieren, die im Grunde genommen Gift sind. Vor allem die flüssigen Ausscheidungen: Ammonium. Und wenn man das im Wasser in der Kreislaufanlage lassen würde, dann würde dieser Ammoniumwert immer höher steigen und die Fische würden irgendwann sterben. Sie würden sich daran vergiften. Also muss man irgendwas damit machen.

 

Was denn?

Man kann Filter einsetzen, da werden Bakterien eingesetzt, die dieses Ammonium biologisch in Nitrat umwandeln – also Pflanzendünger. Das Problem ist: Pflanzendünger ist auch ein Gift. Lässt man das im Kreislaufsystem, würden die Fische auch sterben. Deshalb war die Idee, das nitratreiche Wasser zu nehmen und in Gewächshäuser zu leiten, wo es hydroponische Systeme mit Pflanzen gibt, die dem Wasser das Nitrat entziehen und das Wasser damit wie eine Pflanzenkläranlage klären. Und das Ganze geht dann zurück zu den Fischen. Das ist die Idee hinter der klassischen Aquaponik – dass man eine Symbiose schafft mit dem Vorteil, dass man eh schon eine sehr gute Wasserbilanz hat, die jetzt aber nochmal besser wird, weil man das Wasser doppelt nutzt für Fisch und Pflanze. Dazu stellt man sich biologisch Dünger her. Und wenn man das dann noch in der Nähe eines Ballungsgebietes macht, kommen noch sehr kurze Kühlketten und Transportwege dazu – das verbessert die Gesamtbilanz zusätzlich.

 

Hier in Berlin seid Ihr ja auch direkt an die Stadtautobahn angebunden. Super!

Auf jeden Fall. Aber es ist nicht zwingend notwendig, das in Städten zu machen. Für uns ist es gut, hier zu sein, Transparenz und Sichtbarkeit zu schaffen, bei unserem wöchentlichen Tag der offenen Tür aufzuklären. Der große Vorteil ist definitiv die Frische und Qualität der Produkte. Aber wenn du das außerhalb oder in Stadtnähe machst, im Umkreis von zehn Kilometern, in einer Größe, wo Du auch Skaleneffekte hast, dann hast du wahrscheinlich sogar noch einen größeren Vorteil. Das Urban Farming ist nett, eine Nische. Aber es ist nicht notwendig für ressourceneffiziente Lebensmittel.

 

Welche „Zutaten“ braucht der Kreislauf?

Man braucht Wasser und Energie, am besten sinnvoll erzeugt aus erneuerbaren Energien: Strom für die Pumpen und so weiter. Und Wärme, wenn man ganzjährig produzieren will. Dann braucht man Fischfutter. Aber noch viele andere Dinge sind wichtig: Man muss biologischen Pflanzenschutz haben, dafür kaufen wir Nützlinge und setzen die im Gewächshaus ein.

 

Apropos Nützlinge: Wie schafft Ihr es, das System frei von Gentechnik, Pestiziden und Co zu halten?

Indem man die richtigen Supplier hat. Die müssen das in einer Erklärung garantieren. Wir sind ja keine Genetiker und verändern die Pflanzen, sondern müssen schauen, dass das Saatgut, das wir einkaufen, nicht verändert ist. Und das kannst du nur, wenn du einen guten Hersteller hast, der garantiert, dass das so ist. Wir sind zwar nicht bio-zertifiziert, aber versuchen alles daran zu setzen, so sinnvoll wie möglich zu wirtschaften. Wir verwenden keine Pestizide, dürften es aber. Und um das nicht tun zu müssen, setzen wir sehr gezielt Insekten, also Nützlinge, ein – die wiederum anderen Schädlingen an den Kragen gehen. Oder wir greifen zu biologischem Pflanzenschutz.

 

Wie kann man diese nachhaltige Produktion in größerem Stil einsetzen bzw. wie kann die Industrie Gentechnik und Co in der Lebensmittelproduktion vermeiden?

Es wird ja schon in großem Stil gemacht. Nur in dieser Kombination noch nicht oft. Das ist ein bisschen die Illusion, die viele haben, aber es wird ja bereits viel in Gewächshäusern produziert. Fast jede Tomate, die im Supermarkt verkauft wird, selbst Bio-Tomaten, stammen aus Gewächshäusern aus hydroponischen Systemen. Alle Gurken und Paprika stammen aus hydroponischen Hochleistungssystemen. Aquakulturen machen schon mehr als 50 Prozent des Fisches aus, der konsumiert wird. Wir sind bereits ganz schön weit, was das angeht, doch das ist noch nicht richtig angekommen beim Endverbraucher.

 

Warum?

Weil es – leider – eine romantische Sicht auf die Landwirtschaft gibt. Die Bauern ärgern sich, haben große Probleme bezüglich Tierschutz und so weiter. Die Probleme sind aber selbst kreiert, weil sie seit 50 Jahren an einem Image von der heilen Welt in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Und das erschreckt die Leute jetzt, wenn sie sehen, dass das gar nicht die Kuh ist, die auf der Weide steht, und der Bauer keinen Halm hinterm Ohr klemmen hat. Das Image wurde selbst geprägt und da muss man nun viel Aufklärung betreiben.

 

 

Zurück zum Hydro- bzw. Aquaponiksystem, es klingt ziemlich klimafreundlich: Wie hoch ist Euer Einsparungsvolumen an Wasser und CO2-Emmissionen?

Es wird gesagt, dass man in diesem Kreislaufsystem ungefähr 90 Prozent wassereffizienter ist als bei der herkömmlichen Lebensmittelproduktion. Ich kann die Rechnung aber nicht selbst aufmachen, sondern wiederhole nur das, was allgemein geschrieben wird. Aber wir sind durchaus sehr wassereffizient, arbeiten mit Regenwasser und versuchen so viel wie möglich Wasser einzusparen. Dazu kommt, dass die Tiere – also unsere Fische – CO2 emittieren, also Kohlenstoffdioxid ins Wasser abatmen. Über unseren Bio-Filter findet eine Entgasung statt. Wir saugen die Luft von der Aquakultur ab und pumpen sie in unsere Gewächshäuser. Die Pflanzen nehmen das CO2 dort als zusätzlichen Dünger auf, wachsen dadurch schneller und neutralisieren das im Produktionsprozess, sie machen daraus Sauerstoff – natürlich nur, solange die Fenster zu sind. Daneben funktionieren aber auch andere Dinge auf logischem Wege: Wir sitzen und verkaufen in Berlin und Umgebung. Per se haben wir ganz kurze Transportwege und eine ganz kurze Kühlkette. Das ist einfach effizienter als wenn das aus Bolivien oder sonst woher kommt.

 

Ihr produziert jährlich Tonnen an Fisch und Basilikum, doch der Aufwand im Aquaponik-System ist dennoch hoch: Wie schafft Ihr es, wirtschaftlich zu bleiben?

Das ist sehr schwer. Wir müssen schauen, dass wir die Produkte so direkt wie möglich an den Kunden bringen, also nicht mit vielen Zwischenstationen, damit die Marge bei uns bleibt.

 

Wie sieht die Nachhaltigkeitskette bei Transportwegen konkret aus?

Es kommt da auch ein bisschen darauf an, woher man seine Rohstoffe bezieht. Da stößt man schonmal an seine Grenzen. Wenn man hydroponisch anbaut, etwa Tomaten, dann kann man die auf Steinwolle anbauen, was im Grunde genommen Sondermüll ist, oder man kann sie auf Kokosfasern anbauen. Nur wachsen die Kokosfasern nicht in Deutschland. Da stellt sich dann die Frage: Was ist besser, die Steinwolle, die hier produziert wird, oder die Kokosfaser als Naturprodukt aus Puerto Rico? Wir versuchen das Beste in jeglicher Hinsicht zu machen, verwenden Bio-Samen und Bio-Erde. Dabei sind wir gar nicht entsprechend zertifiziert und schreiben auch nicht bio drauf, gehen aber dennoch diesen Weg und nehmen die Extrakosten auf uns, weil es für uns Sinn macht, obwohl wir es nicht honoriert bekommen. Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten sollten wir das stoppen.

 

Eure Kunden honorieren das. Wer gehört dazu?

Wir beliefern Rewe, aber auch Hotels, Caterer, Restaurants. Und es gibt hier jeden Donnerstag einen Hofverkauf. Das heißt, man kann sich auf unserer Homepage Fisch vorbestellen – ob man Gastronom ist oder Privatperson – und dann am Donnerstag herkommen und seinen Fisch oder Basilikum abholen. Der wird an dem Tag frisch geschlachtet. Das geht auch in kleinen Mengen, schon ab einem Fisch oder einem Basilikum.

 

Was passiert mit den Produkten, die übrig bleiben: Müll? Dünger? Smoothies? Fischstäbchen?

Wir entnehmen dem System nur Fische, wenn wir auch wissen, dass sie verkauft sind. Wir haben keinen Überschuss auf der Fischseite – beim Basilikum auch nicht, weil wir fast alles verkaufen. Ich glaube, wir sind bei unter zwei Prozent Ausschuss. Da stimmt dann vielleicht das Saatbild nicht oder wir haben bei der Keimung Mist gebaut und es war zu trocken. Mengen von Müll fallen bei uns nicht an, eigentlich haben wir gar keinen Ausschuss. Wir haben hier einen Kompost mit dem Ausschuss der letzten Jahre.

 

Ihr habt einen Auftrag in Brüssel bekommen. Dort habt Ihr Europas größte Dachfarm gebaut. Wie kam es dazu?

Als Firma haben wir uns darauf spezialisiert, die Planung und den Bau von solchen Farmsystemen anzubieten. Das ist das Geschäftsmodell der ECF Farmsystems GmbH. Wir betreiben diesen Showcase hier, aber bieten Kunden an, dass wir für sie so etwas ebenfalls machen können. Wir prüfen dann, ob das wirtschaftlich Sinn macht, und bauen es schließlich als eine Art Generalunternehmer. In Brüssel haben wir genau das gemacht. Letztes Jahr sind wir in Betrieb gegangen.

 

 

Vielen Dank, lieber Nicolas, für das Gespräch und den Einblick in Euer nachhaltiges Aquaponik-System!

 

 

ECF Farm bietet den frischesten Fisch, so Nicolas, den es überhaupt in Berlin gibt. Bestellbar ist er über www.ecf-farm.de und abholbar immer donnerstags zum Hofverkauf.

 

Außerdem kann man Touren buchen und das Aquaponik-System aus nächster Nähe kennenlernen. Schulklassen, Studenten, Firmen und alle Neugierigen sind eingeladen.